Heute ist mein Geburtstag. Und während ich hier in Bertingen am Schreibtisch sitze, die Nachrichten lese und ein bisschen über das letzte Jahr nachdenke, habe ich beschlossen: Heute schreibe ich keinen SEO-Artikel, keine technische Anleitung, keinen Bericht über irgendein Projekt. Heute schreibe ich, was ich seit Wochen mit mir herumtrage. Über Demokratie, über den Osten, über das, was hier in Sachsen-Anhalt am 6. September auf dem Spiel steht – und darüber, warum ich heute Farbe bekenne, auch wenn der Nachbar AfD wählt.
Warum ich heute keinen technischen Artikel schreibe
Normalerweise findet ihr hier Texte über SEO, über Server, über WordPress oder Shopify. Manchmal etwas zu meinen Projekten – Familien.camp, Canvarisma, das domain-root.de-Netzwerk. Aber heute ist mein Geburtstag, und ich nehme mir die Freiheit, über etwas anderes zu schreiben. Über etwas, das mich seit Monaten beschäftigt, und das ich nicht mehr für mich behalten will.
Mich nennen manche einen Linksgrünversifften. Gut. Ich nehme das Wort. Es soll mich treffen, aber es zeigt eigentlich nur eins: Wer es benutzt, hat keine Argumente mehr – nur noch ein Etikett. Also lasst uns über die Sache reden, anstatt über Etiketten.
Was ich eigentlich bin
Ich bin kein Ideologe. Ich bin jemand, der hier in Bertingen lebt, hier arbeitet, hier Steuern zahlt, hier eine Agentur betreibt, hier in unserem Familienbetrieb auf dem Campingplatz mit anpackt, hier ein Forum für Selbsthilfe pflegt. Ich habe konkrete Überzeugungen, ja:
- Menschen sind unabhängig von Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder Kontostand gleich viel wert. Das steht so im Grundgesetz, Artikel 1.
- Klimaschutz ist keine Meinung, sondern Physik. Man kann über Wege streiten, nicht über die Notwendigkeit.
- Eine starke Demokratie darf unbequem sein – auch für die Regierung. Gerade für die Regierung.
- Soziale Sicherung, öffentliche Infrastruktur und Rechtsstaat sind keine linken Hobbys, sondern die Voraussetzung dafür, dass auch ein Mittelständler wie ich überhaupt unternehmerisch arbeiten kann.
Wenn das schon linksgrünversifft ist, dann beschreibt das Wort nicht meine Position – sondern wie weit sich der Diskurs verschoben hat. Was vor zehn Jahren CDU-Mitte war, gilt heute manchen als radikal. Das sollte uns zu denken geben.
Warum gerade hier, warum gerade jetzt
Wir leben in Sachsen-Anhalt. Am 6. September 2026 wird hier gewählt. Und die Zahlen, die seit Monaten von Umfrageinstituten geliefert werden, sind nicht mehr ignorierbar.
Stand Mai 2026 (Infratest dimap):
- AfD: 41 Prozent (Landtagsergebnis 2021: 20,8 %)
- CDU: 26 Prozent
- Linke: 12 Prozent
- SPD: 7 Prozent
- Grüne, BSW, FDP: jeweils um die 4 Prozent – damit jeweils an der Mandatsschwelle oder darunter
Die AfD hätte ihr Landtagsergebnis von 2021 damit nahezu verdoppelt. Wenige Prozentpunkte mehr am Wahltag, und sie hätte die absolute Mandatsmehrheit im Magdeburger Landtag.
Das ist keine Panikmache. Das ist die Sonntagsfrage eines etablierten, methodisch sauberen Instituts, gespiegelt am aggregierten Wahltrend mehrerer Institute. Wer das wegwischt, betreibt Realitätsverweigerung.
Warum das nicht egal ist – die nüchterne Faktenlage
Ich muss hier kurz sehr sachlich werden. Denn das, was ich jetzt aufschreibe, sind keine Meinungen von mir. Das sind Einstufungen deutscher Sicherheitsbehörden und Urteile deutscher Gerichte.
Die Einstufung des Landesverbandes
Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt ist seit November 2023 vom Landesamt für Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft. Das ist die höchste Beobachtungsstufe, die es gibt – dieselbe Kategorie, in der vorher die NPD stand.
Die Begründung der Behörde (wörtlich aus der öffentlichen Darstellung des Landesinnenministeriums Sachsen-Anhalt): Die Partei richte sich gegen die Menschenwürde (Art. 1 GG), gegen das Demokratieprinzip (Art. 20 GG) und gegen den Rechtsstaat. Sie strebe ein „ethnokulturell homogenes Staatsvolk“ an. Sie verfolge das neurechte Konzept der „Metapolitik“ in enger Kooperation mit dem Institut für Staatspolitik (Schnellroda, also hier bei uns in Sachsen-Anhalt), dem Verein „Ein Prozent“ und der Identitären Bewegung.
Das ist kein Sachsen-Anhalt-Sonderfall
Mittlerweile sind fünf Landesverbände als gesichert rechtsextrem eingestuft: Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Brandenburg und – seit Februar 2026 – auch Niedersachsen. Die Bundespartei wurde im Mai 2025 entsprechend hochgestuft; das Verfahren läuft noch gerichtlich. Aber: Das Oberverwaltungsgericht Bautzen hat die Einstufung für Sachsen gerichtlich bestätigt. Es geht hier also längst nicht mehr um eine Behördenmeinung gegen eine Partei – es geht um eine Rechtsprechung, die der Behörde recht gibt.
Was konkret im Programm steht
Im Landtagswahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt 2026 finden sich unter anderem folgende Forderungen, öffentlich vorgestellt im April 2026:
- Abschaffung der Landeszentrale für politische Bildung
- Kündigung der Rundfunkstaatsverträge
- Fördermittel für Vereine nur noch bei nachgewiesener „patriotischer Grundhaltung“
- Landesvize Hans-Thomas Tillschneider erklärte öffentlich, Kinder bräuchten keine Antirassismus-Trainings, sondern Selbstverteidigungskurse
- Derselbe Tillschneider rief im Februar zum „Krieg“ gegen die Bundesregierung auf
Das sind keine Zitate aus linken Kampfblättern. Das sind Originaltöne aus Pressemitteilungen, Parteitagen und Programmtexten. Wer mag, kann das nachlesen.
Und jetzt zum Nachbarn
Wenn mein Nachbar AfD wählt, ist er deshalb für mich nicht weniger Nachbar. Wir grüßen uns über den Zaun. Wir helfen uns gegenseitig. Wir trinken zusammen ein Bier, wenn es sich ergibt. Das ist Demokratie auf Augenhöhe: Ich muss deine Meinung nicht teilen, um deine Würde zu achten.
Aber – und das gehört zur Ehrlichkeit dazu – Demokratie heißt auch: Ich darf widersprechen. Ich muss widersprechen. Und ich darf von dir erwarten, dass du dir genau anschaust, was du da wählst. Nicht nur, was dich an „denen da oben“ stört.
Die nachvollziehbaren Gründe
Es gibt nachvollziehbare Gründe für Frust, gerade hier im Osten. Die habe ich nie kleingeredet, und ich werde sie auch heute nicht kleinreden. Mehrere wissenschaftliche Studien – das DIW Berlin, die Hans-Böckler-Stiftung, das WSI – haben das über Jahre untersucht. Was sie finden:
- Strukturschwäche in dünn besiedelten Regionen mit Überalterung. Genau das, was wir hier in der Altmark erleben.
- Lohngefälle, das 35 Jahre nach der Wende immer noch existiert. Das ist Fakt.
- Demografischer Druck: Ärztemangel, Apothekensterben, Schulschließungen, abgehängte Infrastruktur.
- Das Gefühl, dass Lebensleistung aus DDR-Zeiten nie wirklich anerkannt wurde – und dass Biografien nach 1990 oft entwertet wurden.
- Berliner Politik, die an Bertingen vorbei beschlossen wird, ohne dass jemand vorher mal hier vorbeigekommen wäre.
- Krisenmüdigkeit nach Corona, Ukraine, Inflation, Migrationsdebatte.
Das ist alles real. Das ist alles legitim als Beschwerdegrund. Wer das wegwischt, hat den Osten nicht verstanden.
Aber daraus folgt nicht…
…dass die Antwort eine Partei sein muss, die laut Verfassungsschutz und mehreren Gerichten die Demokratie selbst abschaffen will. Das ist, als würde man bei einem Wasserschaden im Keller das ganze Haus abreißen – nur weil man wütend über das Wasser ist.
Es gibt einen Unterschied zwischen „diese Regierung macht es schlecht“ und „das ganze System gehört weg“. Demokratien können das erste verkraften – das ist sogar gesund. Das zweite ist das, was die Weimarer Republik nicht überlebt hat.
Was wirklich auf dem Spiel steht
Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt nach dem 6. September in Regierungsverantwortung kommt, dann verändert sich nicht „die Politik“. Dann verändern sich die Spielregeln, nach denen Politik gemacht wird.
- Wer die Landeszentrale für politische Bildung abschafft, schaltet eine kritische, überparteiliche Instanz aus, die seit Jahrzehnten Schulen, Lehrer und Bürger informiert.
- Wer Vereinsförderung an eine „patriotische Grundhaltung“ knüpft, führt einen Gesinnungstest ein. Wer entscheidet über den Test? Die Partei, die gerade regiert. Das ist die Logik autoritärer Systeme, nicht parlamentarischer Demokratien.
- Wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abräumen will, will eine Säule pluralistischer Information beseitigen – und ja, MDR und Deutschlandfunk darf man kritisieren, aber abschaffen ist etwas anderes als reformieren.
- Wer Richter, Lehrer, Journalisten, Wissenschaftler und Künstler systematisch verlachen lässt, schafft kein „frischeres Klima“, sondern bereitet den Boden für politische Säuberungen – das ist nicht hypothetisch, das ist erlebbare Realität in Ungarn unter Orbán und war Realität in Polen unter PiS.
Eine Demokratie verträgt eine starke Opposition. Sie verträgt auch unbequeme Wahrheiten. Sie verträgt sogar Parteien, deren Programm man für völlig falsch hält – solange diese Parteien sich an die Regeln halten. Was sie nicht verträgt, ist die schrittweise Aushöhlung ihrer eigenen Institutionen durch Mehrheiten, die diese Institutionen verachten.
Was das für mich persönlich heißt
Ich bin selbständig. Ich habe Mitarbeiter, Kunden, Projekte. Ich habe eine Familie. Und ich arbeite gerne in unserem Familienbetrieb mit – auf dem Campingplatz, der davon lebt, dass Familien sich hier wohlfühlen, aus ganz Deutschland, manchmal aus dem Ausland. Was glaubt ihr, was passiert, wenn Sachsen-Anhalt international als Bundesland gilt, in dem eine vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Partei regiert?
Wir reden über Tourismus. Wir reden über Fachkräfte, die hierher ziehen müssten, damit unsere Region nicht weiter ausblutet. Wir reden über Investoren. Wir reden über das Bild Sachsen-Anhalts in der Welt. Die wirtschaftlichen Folgen würden nicht die Politiker tragen. Sie würden wir tragen. Die Handwerker, die Gastronomen, die Hoteliers, die Agenturen, die Online-Händler. Du. Ich. Dein Nachbar.
Warum ich heute Farbe bekenne
An meinem Geburtstag, hier im Osten, in Sachsen-Anhalt, in Bertingen, sage ich öffentlich, was ich denke: Ich bin Demokrat. Mit allem, was dazu gehört. Mit der Pflicht, andere Meinungen auszuhalten – und mit der Pflicht, Klartext zu reden, wenn jemand das System selbst zur Disposition stellt.
Ich bin nicht „linksgrünversifft“. Ich bin jemand, der sein Grundgesetz gelesen hat und es ernst nimmt. Der hier verwurzelt ist. Der hier bleiben will. Der hier etwas aufgebaut hat und dem nicht egal ist, in welchem Klima dieses Etwas weiterwachsen muss.
Eine Bitte zum Geburtstag
Ich wünsche mir an meinem Geburtstag kein Geschenk. Ich wünsche mir, dass jeder, der diesen Text liest, am 6. September wählen geht. Egal, was du wählst. Egal, ob du mit mir übereinstimmst oder nicht.
Nichtwählen ist in dieser Lage keine neutrale Haltung mehr. Bei den aktuellen Verhältnissen begünstigt jede nicht abgegebene Stimme die Partei, die ohnehin die mobilisierungsstärkste Wählerschaft hat. Das ist Mathematik, keine Meinung.
Und wenn du AfD wählen willst: Lies vorher das Programm. Nicht die Schlagzeile. Nicht das TikTok-Video. Das Programm. Lies, was sie konkret mit deiner Region, deiner Schule, deinem Verein, deinem Rundfunk vorhaben. Wenn du das gelesen hast und es immer noch wählen willst – gut, das ist dein gutes Recht in einer Demokratie. Aber dann wenigstens mit offenen Augen.
Danke
Zum Schluss: Danke an alle, die heute an mich gedacht haben. An jede Nachricht, jeden Anruf, jede WhatsApp, jede Karte. Das hat mich wirklich gefreut, und das hat mir auch den Mut gegeben, diesen Text hier überhaupt zu veröffentlichen.
Ich weiß, dass ich mir mit diesem Beitrag nicht nur Freunde mache. Das ist okay. Ich weiß auch, dass einige meiner Kunden, Geschäftspartner und Bekannten anders denken als ich. Das ist auch okay – solange wir auf Augenhöhe reden können, solange wir uns am Zaun noch grüßen, solange wir die gleiche Demokratie als gemeinsames Dach akzeptieren.
Auf die nächsten Jahre. Auf die Demokratie. Auf den Streit, der sie am Leben hält.
Alex
Bertingen, an meinem Geburtstag 2026
Warum schreibst du diesen Beitrag ausgerechnet jetzt?
Weil am 6. September 2026 in Sachsen-Anhalt gewählt wird und die Umfragen die AfD bei 41 Prozent sehen. Wenige Prozentpunkte mehr, und es gäbe eine absolute Mandatsmehrheit für eine Partei, deren Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft ist. Schweigen ist in dieser Lage keine Option mehr.
Bist du nicht selbst Unternehmer? Was geht dich das politisch an?
Genau weil ich Unternehmer bin. Ich betreibe einen Campingplatz, eine SEO-Agentur, mehrere Online-Projekte. Diese Existenzen hängen davon ab, dass Sachsen-Anhalt ein Bundesland bleibt, in das Gäste, Fachkräfte und Investoren kommen wollen. Eine rechtsextreme Regierung wäre für den Wirtschaftsstandort eine echte Katastrophe.
Ist die Einstufung der AfD Sachsen-Anhalt als rechtsextrem nicht umstritten?
Die Einstufung des Landesverbandes Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistische Bestrebung erfolgte im November 2023 durch das Landesamt für Verfassungsschutz. Die vergleichbare Einstufung in Sachsen wurde gerichtlich vom Oberverwaltungsgericht Bautzen bestätigt. Bundesweit sind inzwischen fünf Landesverbände entsprechend eingestuft. Das ist keine Einzelmeinung, sondern wiederholte behördliche und richterliche Bewertung.
Was schlägst du denn vor? Sollen Leute, die unzufrieden sind, gar nicht mehr protestwählen?
Protest ist legitim, und Frust über Strukturschwäche, Lohngefälle und Berliner Politik ist absolut nachvollziehbar. Aber Protest sollte sich nicht selbst zerstören. Wer aus berechtigtem Ärger eine Partei wählt, die die Demokratie als System abschaffen will, beseitigt damit die Möglichkeit, beim nächsten Mal nochmal anders zu protestieren. Es gibt im Stimmzettel mehr als zwei Felder.
Wie gehst du persönlich mit Nachbarn oder Kunden um, die AfD wählen?
Wie mit allen anderen auch. Auf Augenhöhe, höflich, mit Respekt vor der Person. Demokratie heißt, dass ich deine politische Meinung nicht teilen muss, um deine Würde zu achten. Aber Demokratie heißt auch, dass ich widerspreche, wenn ich das für nötig halte. Diese zwei Dinge schließen sich nicht aus.
Letzte Bearbeitung am Dienstag, 19. Mai 2026 – 21:37 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.

