Die verbreitete Regel lautet: Beim Umzug alles weiterleiten, damit nichts verlorengeht. Sie stimmt für den Teil, bei dem etwas zu verlieren ist – und der ist meist kleiner als gedacht.
Der Fall
Eine Bestandsdomain aus dem eigenen Bestand sollte auf ein anderes System umziehen. Rund 190 Beiträge, über dreizehn Jahre gewachsen, thematisch quer von Technik über Reiseberichte bis zu Ankündigungen eigener Projekte.
Vor der Entscheidung über die Weiterleitungen stand die Auswertung: Welche dieser Adressen hatten im zurückliegenden Jahreszeitraum überhaupt Einblendungen? Das Ergebnis war deutlicher als erwartet.
Zwei Drittel der Beiträge existierten für Suchmaschinen faktisch nicht. Und von den übrigen lag der weit überwiegende Teil jenseits von Position 50 – also ab Seite fünf der Ergebnisliste, wo praktisch nicht geklickt wird.
Der Beitrag mit den mit Abstand meisten Einblendungen war eine Anleitung zu Spiele-Cheats von 2013 auf Position 53. Das sind keine Signale, die man schützen müsste – das sind über tausend Gelegenheiten, nicht angeklickt zu werden. Wer solche Zahlen als Vermögenswert liest, leitet Dinge weiter, die besser verschwinden.
Die Entscheidungsregel
Sie besteht aus einer einzigen Frage, und die stellt sich je Adresse:
Was ausdrücklich keine zulässige Antwort ist: die Startseite. Oder die Blogübersicht. Oder die Kategorieseite. Diese Ziele beantworten die Frage nicht, mit der jemand auf die alte Adresse kam.
Warum Masse-Weiterleitung schadet
Suchmaschinen prüfen, ob das Ziel einer Weiterleitung inhaltlich zur Quelle passt. Passt es offensichtlich nicht – dreihundert verschiedene Themen führen auf dieselbe Startseite –, wird das Ziel als unpassend gewertet und die Adresse behandelt wie ein Fehler. Der Fachbegriff dafür lautet weiche 404.
Das Ergebnis ist also dasselbe wie ohne Weiterleitung, nur mit drei Unterschieden: Es dauert länger, es verbraucht Abrufkapazität, und man selbst hält es für erledigt.
- Adresse geändert, Inhalt derselbe
- Zwei Beiträge zu einem zusammengeführt
- Neuer Text beantwortet dieselbe Frage besser
- Inhalt auf eine andere eigene Domain umgezogen
- Der Inhalt entfällt ersatzlos
- Es gibt kein Ziel, das dieselbe Frage beantwortet
- Das Thema bleibt, aber der neue Text ist kein Nachfolger
- Der Nachfolger existiert noch nicht – dann später umstellen
Ein Sonderfall, der oft falsch gelöst wird
Das Thema bleibt, der Text ist neu. Naheliegend wäre, die alte Adresse auf den neuen Beitrag zu leiten. Richtig ist das nur, wenn der neue Text tatsächlich dieselbe Frage besser beantwortet.
Ein Gegenbeispiel: Ein alter Beitrag zu einer bestimmten Programmversion und ein neuer zur Nachfolgeversion beantworten verschiedene Fragen. Wer nach der alten Version sucht, hat meist genau die installiert und will wissen, was jetzt gilt – nicht, was in der nächsten kommt. Hier ist der neue Beitrag ein Nachbar, kein Nachfolger.
Der praktische Ablauf
- Vollständige Adressliste beschaffen
Aus der Sitemap oder direkt aus der Datenbank. Die Search Console allein reicht nicht – sie zeigt nur, was Einblendungen hatte, und das ist gerade die kleinere Hälfte.
- Leistungsdaten dagegenlegen
Einblendungen, Klicks, Position je Adresse im Jahreszeitraum. Dazu, soweit vorhanden, eingehende Verweise. Diese beiden Listen zusammenzuführen ist die eigentliche Arbeit.
- Je Adresse entscheiden, nicht je Gruppe
Verlockend ist die Regel „alles aus Kategorie X auf Seite Y". Sie erzeugt genau die weichen 404, um die es geht. Die Entscheidung fällt an der einzelnen Adresse.
- Nach dem Livegang prüfen
Drei Aufrufe genügen: eine Adresse mit 301, eine mit 410, eine ohne Regel. Wer das auslässt, erfährt erst Wochen später, dass die Regeln zwar vorhanden, aber wirkungslos sind.